Wir machen uns beim Lesen schnell ein Bild von den Figuren einer Geschichte. Wir vertrauen jemandem oder sind misstrauisch, identifizieren uns mit einer Figur oder finden sie unsympathisch. Aber entsteht dieser Eindruck eigentlich? Werden uns diese Eigenschaften direkt mitgeteilt, oder schließen wir selbst aus dem Verhalten einer Figur auf ihren Charakter?

In der Literatur gibt es verschiedene Möglichkeiten, Figuren darzustellen und damit zu charakterisieren. Wer sie kennt, kann Texte bewusster lesen – und beim eigenen Schreiben gezielter entscheiden, wie Leser:innen eine Figur wahrnehmen.

Explizite und implizite Charakterisierung – was ist der Unterschied?

Explizite Charakterisierung: Wenn Eigenschaften direkt benannt werden

Hier nennt eine Figur oder der Erzähler eine Eigenschaft ausdrücklich, so ist jemand etwa lustig, mutig, schön oder ungeduldig. Die so geäußerten Informationen über eine Figur sind eindeutig, der Leser muss sie sich nicht selbst erschließen oder interpretieren.

Implizite Charakterisierung: Wenn wir Eigenschaften selbst erschließen

Wir lernen Figuren durch die Beschreibung ihres Äußeren, ihres sozialen Umfelds, ihres Verhaltens, ihrer Sprache und weiterer Merkmale kennen. Die Eigenschaften werden nicht direkt benannt; stattdessen überlässt der Text es uns, sie aus diesen Hinweisen zu erschließen.

Beispiel

„Plötzlich merkte Frodo, daß ein ungewöhnlich aussehender, wettergegerbter Mann, der im Dunkeln an der Wand saß, sehr aufmerksam der Hobbit-Unterhaltung lauschte.”

„Er hatte einen fleckigen Mantel aus schwerem, dunkelgrünem Tuch übergeworfen und trug trotz der Hitze im Raum eine Kapuze, die sein Gesicht beschattete; aber seine Augen sah man funkeln, als er die Hobbits beobachtete.”

In diesen Passagen aus Der Herr der Ringe: Die Gefährten wird die Figur Aragorn auf unterschiedliche Weise charakterisiert: Die erste Passage benennt bestimmte Merkmale direkt, während die zweite vor allem Hinweise gibt, aus denen wir selbst Schlüsse ziehen können.

Die erste Passage macht deutlich, dass er ungewöhnlich aussieht und wettergegerbt ist. Die zweite dagegen wirft Fragen auf: Warum versteckt er sein Gesicht unter seiner Kapuze? Und wie sollen wir das Funkeln in seinen Augen deuten?

Wer charakterisiert die Figur?

Bei der Charakterisierung literarischer Figuren spielt jedoch nicht nur eine Rolle, was über sie gesagt wird, sondern auch wer es sagt. Grundsätzlich lassen sich drei Möglichkeiten unterscheiden:

  • Die Erzählinstanz
  • Andere Figuren
  • Die Figur selbst

Schauen wir uns dazu wieder drei verschiedene Beispiele der Figur Aragorn (Streicher) aus Der Herr der Ringe: Die Gefährten an:

„Als Streicher sprach, beobachteten sie sein fremdartiges, lebhaftes Gesicht, das von der roten Glut des Holzfeuers schwach beleuchtet war. Seine Augen glänzten, und seine Stimme war volltönend und tief.”

vs.

„Sam runzelte die Stirn, schaute seinen Herrn an und platzte schließlich heraus: ‚Wenn du erlaubst, Herr Frodo: ich würde nein sagen! Dieser Streicher kommt aus der Wildnis, und über solche Leute habe ich nie was Gutes gehört.’”

vs.

„‚Ja, das verstehe ich’, lachte Streicher. ‚Ich sehe gemein aus und denke anständig. Ist es so? Nicht alles, was Gold ist, funkelt, nicht jeder, der wandert, verlorn.’”

Diese Zitate unterscheiden sich nicht nur darin, wer die Charakterisierung vornimmt, sondern auch in ihrem Inhalt.

Die Aussage des Erzählers kommt aus einer übergeordneten Perspektive, die nicht mit der der Figuren gleichzusetzen ist. Er beschreibt, was die Hobbits gerade tun, beobachten, und was Aragorn gerade tut, sprechen. Dabei präsentieren diese Beschreibungen Aragorn eher positiv: Sein Gesicht sei lebhaft, seine Stimme volltönend und tief.

Die zweite Aussage der Figur Sam kommt aus der erzählten Welt, repräsentiert somit die Perspektive einer gleichgestellten, aber anderen, Figur. Hier kommt Aragorn nicht so gut weg: Sam habe nie etwas Gutes über Leute wie ihn gehört, er traut ihm offensichtlich nicht.

Die dritte Aussage der Figur Aragorn über sich selbst enthält wieder eine ganz andere Charakterisierung – er sehe zwar nicht vertrauenswürdig aus, sei es aber.

Charakterisierung nur einer Figur?

Die Aussage einer Charakterisierung kann also ganz unterschiedlich ausfallen, je nachdem wer sie vornimmt. Doch woran liegt das? Und was bedeutet es für das Figurenbild, das sich in unseren Köpfen bildet?

Wenn Figuren einander beschreiben, erfahren wir häufig nicht nur etwas über die beschriebene Figur, sondern auch über die Person, die sie beschreibt. Wie im echten Leben verrät eine solche Aussage oft etwas über die Perspektive, die Erwartungen oder die Beweggründe des Sprechers:

Sam vertraut Aragorn nicht, und zwar aus Sorge um seinen Herrn Frodo. Neben seiner Abneigung Streicher gegenüber erfahren wir also auch etwas über seine Zuneigung zu Frodo. Streicher wiederum wirkt durch seine ambivalente Selbstcharakterisierung selbstreflektiert, locker und freundlich, gleichzeitig bleibt jedoch die Frage offen, ob er damit auch mögliche Zweifel an seiner Person zerstreuen möchte.

Im Gegensatz dazu kommt die Aussage des Erzählers von einem Standpunkt aus, der nicht auf der Ebene der Figuren liegt. Seine Aussagen können in der erzählten Welt somit keine versteckten Motivationen beinhalten und erscheinen uns meist als objektiv und zuverlässig. Dies führt dazu, dass wir als Leser:innen den Aussagen des Erzählers am meisten vertrauen.

(Ob, und wie weit wir das wirklich können, kannst du hier nachlesen)

Was bedeutet das für dich, wenn du selbst Figuren schreibst?

  • Lass deine Leser:innen etwas selbst erschließen. Überlege dir, welche Charaktereigenschaften du explizit aussprechen möchtest und welche du lieber implizierst.
  • Scheue dich nicht davor, widersprüchliche Aussagen über eine Figur zu machen. Das kann deinen Figuren und ihren Beziehungen untereinander mehr Tiefe geben.
  • Überlege dir: Soll deine Leserschaft deiner Figur sofort vertrauen/nicht vertrauen oder darf sie sich zunächst ein falsches Bild machen?
  • Sei dir bewusst, welche Wirkung die Aussagen deiner Figuren im Gegensatz zu denen deines Erzählers haben.

Figuren verstehen heißt, zwischen den Zeilen zu lesen

Wie wir eine literarische Figur wahrnehmen, hängt nicht allein davon ab, welche Eigenschaften sie hat. Es kommt auch darauf an, wie diese Eigenschaften vermittelt werden, wer über die Figur spricht und welche Schlüsse wir selbst aus dem Gelesenen ziehen.

Gerade darin liegt eine besondere Möglichkeit des Erzählens: Du musst deinen Leser:innen nicht alles direkt erklären. Du kannst ihnen Hinweise geben, sie eigene Schlüsse ziehen lassen und mit ihren Erwartungen spielen. Du kannst Figuren unterschiedlich darstellen, Widersprüche stehen lassen oder bewusst offenhalten, wie eine Figur wirklich ist.

Und wenn du dabei Unterstützung brauchst, weißt du ja, wo du mich findest. :)