Wenn wir einen Roman lesen, hören wir eine Stimme, die uns durch die Geschichte führt. Aber wer spricht da eigentlich? Die Person, die das Buch geschrieben hat? Oder jemand anderes?
Der Unterschied zwischen Autor und Erzähler gehört zu den Grundlagen literarischen Erzählens. Das klingt zunächst selbstverständlich, kann aber entscheidend dafür sein, wie wir einen Text verstehen – und wie wir selbst Geschichten schreiben.
Also, wer spricht: Zwei Menschen? – Nein. Aber zwei Ebenen.
In der Realität: Ein:e Autor:in schreibt ein Buch, das wir lesen.
In der Fiktion: Ein:e Erzähler:in erzählt eine Geschichte, in der Figuren handeln.
Der oder die Autor:in lebt in unserer Welt.
Der oder die Erzähler:in gehört zur Welt des Textes.
Autor und Erzähler sind also nicht dieselbe Person, auch wenn sie dieselben Ansichten vertreten können. Der Autor kann sterben, der Erzähler bleibt als erzählerische Instanz im Text erhalten.
Oder literaturwissenschaftlich ausgedrückt:
„Eine Fiktionserzählung wird fiktiv von ihrem Erzähler produziert und faktisch von ihrem (realen) Autor.“1
Wir wissen das längst – ohne darüber nachzudenken
„Ich bin auf ein wüstes, trostloses Eiland ohne alle Hoffnung auf Befreiung verschlagen. Ich bin von der Menschheit getrennt, ein Einsiedler, verbannt vom Menschengeschlechte.“
~ Daniel Defoe, Robinson Crusoe
Wir wissen intuitiv: Defoe ist nicht selbst auf einer einsamen Insel gestrandet, er hat die Geschichte nicht selbst erlebt, er hat sie nur geschrieben. Crusoe erzählt sie.
Wir unterscheiden hier ganz selbstverständlich zwischen dem Autor, der die Geschichte erschaffen hat, und der Figur, die von ihren Erlebnissen berichtet. Und trotzdem vergessen wir diese Trennung erstaunlich oft, wenn ein Erzähler seine Meinung äußert.
Wenn die Stimme des Erzählers provoziert
„Eine Million massakrierte Kinder – und was dann? Kinder sind doch nichts als der Nachwuchs von Mistkerlen. Ich bin bereit zu sterben, wenn sie alle sterben. Kinder, die mir nichts bedeuten – ich werde kein Mitleid mit ihnen haben.“
~ Simone de Beauvoir, Eine gebrochene Frau
Wie bei Defoe haben wir einen Ich-Erzähler. Aber hier wirkt die Stimme weniger eindeutig von der Autorin getrennt. Wir befinden uns nicht auf einer einsamen Insel, sondern in den Gedanken einer Frau. Und sie kann den Eindruck erwecken, die Stimme der Autorin zu äußern.
Das kann uns zu der Frage bringen, ob die Autorin damit menschenverachtendes Gedankengut verbreitet.
Nein, die Autorin nicht. Die Erzählerin schon.
Zumindest können wir das nicht einfach gleichsetzen. Aber ist die Autorin damit automatisch aus dem Schneider?
Wichtig ist: Das ist eine literaturwissenschaftliche Unterscheidung. Natürlich ist die Autorin dafür verantwortlich, dass die Erzählerin existiert und bestimmte Aussagen trifft. Daraus folgt aber nicht, dass sie diese Aussagen auch selbst vertritt.
Gerade die Spannung zwischen der Haltung der Autorin und der ihrer Erzählerin kann ein starkes Stilmittel sein. So kann eine Autorin eine Erzählerin schaffen, deren Ansichten sie selbst zutiefst ablehnt, um ebendiese sichtbar zu machen und uns eine menschliche Seite zu zeigen, vor der wir vielleicht gerne die Augen verschließen.
Das bedeutet wiederum nicht, dass jede Aussage durch den Verweis auf die Fiktion automatisch unproblematisch wird. Es bedeutet vielmehr, dass wir genauer hinsehen müssen: Wer spricht hier? Wie wird diese Stimme dargestellt? Und welche Wirkung entfaltet diese Darstellung im Text und bei den Leser:innen?
Dein:e Erzähler:in muss nicht mit deiner Stimme sprechen
Gerade das Gegenteil davon kann deiner Geschichte eine weitere Ebene geben.
Wenn du deinen Figuren unterschiedliche Überzeugungen gibst, entsteht Raum für Widersprüche, innere Konflikte und Perspektiven, die über das Gewohnte hinausgehen oder eigene, widersprüchliche Erfahrungen verarbeiten. Du musst nicht jede Figur mögen, um sie glaubwürdig schreiben zu können. Und du musst ihre Ansichten nicht teilen, um sie nachvollziehbar zu machen.
Versuch einmal, eine kurze Szene aus der Sicht einer Figur zu schreiben, die du nicht magst und deren Meinungen du nicht teilst.
Wo erweitert sie vielleicht deinen Horizont? Wo kannst du ihre Haltung durch ihre Handlungen, ihre Widersprüche oder Dialoge subtil infrage stellen?
Vielleicht entdeckst du dabei eine neue Seite deiner Geschichte – oder gibst deinen Leser:innen eine Perspektive, die sie noch nicht kennen.
1 Gérard Genette, Die Erzählung ↑